Vermutlich Überreste einer mittelalterlichen Stadtburg entdeckt
Außergewöhnlicher archäologischer Fund auf dem oberen Schlossplatz
20.11.2025
Auf dem oberen Schlossplatz in Hann. Münden haben jüngste archäologische Untersuchungen einen bemerkenswerten Fund zutage gefördert: In rund 60 Zentimetern Tiefe stieß das Grabungsteam auf massive Mauerzüge, die aller Wahrscheinlichkeit einer mittelalterlichen Stadtburg zuzuordnen sind. Die freigelegten Mauern erreichen eine Breite von etwa 1,5 Metern. Die Arbeiten werden von der Archäomedes GmbH unter der Leitung von Dr. Christoph Döllerer betreut, die im Auftrag der Stadt die archäologische Begleitung der laufenden Baumaßnahmen übernommen hat.
Die Fundstelle befindet sich im Bereich des östlichen Schlossflügels. Nach Einschätzung von Dr. Christoph Döllerer erweitert dieser Fund die Kenntnisse zur frühesten Bebauung des Areals um eine bedeutende Facette. Auch aus fachlicher Sicht stößt die Entdeckung auf großes Interesse. Tobias Uhlig vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege bezeichnete die Entdeckung als „sensationell“. Erstmals könnte es damit einen wissenschaftlich gesicherten Nachweis für eine Vorgängeranlage des heutigen Renaissanceschlosses geben.
Für Stadtarchivar Stefan Schäfer stellt der Fund ebenfalls einen Meilenstein dar. Er verweist darauf, dass Herzog Erich I. und seine Ehefrau Katharina von Sachsen im Jahr 1501 den Umbau einer damals bestehenden Burg zu einem repräsentativen Schloss veranlassten. Zwar sei in historischen Quellen eine mittelalterliche Burg erwähnt, bislang habe jedoch jede konkrete Information zur baulichen Gestalt gefehlt. Die Grabungen eröffneten nun die seltene Möglichkeit, zentrale Fragen zur Bau- und Stadtgeschichte zu klären.
Neben den Mauerresten legen die Archäologen derzeit auch ein historisches Pflaster frei, das einst vermutlich den gesamten Platz bedeckte. Zudem wurden Fundamente hölzerner Arkadengänge entdeckt, die ursprünglich Teile der Schlossflügel strukturell miteinander verbanden und in die Pflasterung eingebettet waren.
Hintergrund der Arbeiten ist die aktuelle Neugestaltung des Schlossplatzes sowie begleitende Tiefbaumaßnahmen. Seit Anfang September dokumentiert das Team der Archäomedes GmbH sämtliche archäologischen Befunde vor Ort. Für eine präzise Erfassung werden Drohnenaufnahmen eingesetzt, die eine zentimetergenaue Luftbilddokumentation ermöglichen. Die zeitliche Einordnung erfolgt mittels Radiokarbondatierung, wofür die Archäologen Holzkohleproben aus verschiedenen Bodenschichten entnehmen und analysieren.
Großes Interesse an öffentlicher Führung
Aufgrund des außergewöhnlichen Fundes entschloss sich der städtische Bereich Stadtentwicklung gemeinsam mit Fachleuten der Grabungsfirma sowie dem städtischen Fachdienst Tiefbau dazu, am vergangenen Donnerstag eine öffentliche Führung für interessierte Bürgerinnen und Bürger anzubieten. Über 100 Personen von jung bis alt waren dieser Einladung gefolgt. Auch das Medieninteresse war groß.
Dr. Christoph Döllerer informierte über die Bedeutung und Einstufung der Grabungsfunde, während Stefan Schäfer über die geschichtliche Entwicklung des Welfenschlosses berichtete. Die Teilnehmenden erfuhren, dass sich der Schlossplatz auf einer natürlichen Geländekuppe befindet. Sie stellte einen wichtigen Siedlungsplatz dar, da sie Schutz vor Überschwemmungen und Hochwasser bot. Weitere Erkenntnisse erhofft man sich nach Abschluss der archäologischen Arbeiten und Auswertung der Funde.
Im Anschluss standen Stefan Schäfer, Dr. Christoph Döllerer, Denkmalpflegerin Sabine Momm sowie Projektleiter Andreas Bergmann vom Fachdienst Tiefbau für die Fragen der Teilnehmer zur Verfügung, die ein großes Interesse an den archäologischen Funden sowie weiteren Ablauf der Baustelle und der Umgestaltung des Schlossplatzes zeigten.
Autor/in: Pressestelle Stadt Hann. Münden