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11.11.2025

Mahnung zur Besinnung und Verantwortung

Gedenkveranstaltung in Hann. Münden zur Reichspogromnacht

11.11.2025

Am vergangenen Sonntagvormittag fand in Hann. Münden die traditionelle Gedenkveranstaltung anlässlich der sich jährenden Reichspogromnacht statt, die sich am 9. November 1938 ereignete. Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der St.-Blasii-Kirche versammelten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen, der Stadt sowie verschiedener Institutionen zu einer Andacht vor dem historischen Rathaus, um der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken.

Bürgermeister Tobias Dannenberg dankte den Anwesenden für ihre Teilnahme und forderte sie dazu auf, hinzuschauen und sich einzumischen, wenn ihnen Antisemitismus in ihrem Leben begegnen würde: „Dieser hat in unserer Gesellschaft und damit auch in unserer Stadt keinen Platz. Die Ereignisse von damals dürfen sich niemals wiederholen.“

In einer Ansprache an die Zuhörerinnen und Zuhörer erinnerte Stadtarchivar Stefan Schäfer eindringlich an die Ereignisse der Reichspogromnacht, die auch in Hann. Münden das jüdische Leben zerstörten. Unter dem Leitgedanken „zur Besinnung kommen“ richtete Schäfer einen Appell gleichermaßen an Gegenwart und Zukunft: Besinnung sei ein universelles Prinzip, das besonders jenen zu wünschen sei, die Macht missbrauchen oder sich auf den Weg in autoritäre Strukturen begeben.

Er erinnerte daran, dass die Geschichte der Weimarer Republik auch eine Mahnung sei – ein Beispiel dafür, wie durch Wegschauen, Anpassung und Gleichgültigkeit demokratische Werte in kürzester Zeit verloren gehen können. „In einer Diktatur stirbt zuerst die Wahrheit“, betonte Schäfer mit Blick auf die gleichgeschaltete nationalsozialistische Presse und den allgegenwärtigen Druck zur Konformität.

Was in Hann. Münden geschah

Während des Gottesdienstes zitierte Schäfer ein Beispiel aus den Verwaltungsakten der Stadt und zeigte damit, wie tief die Entmenschlichung auch im Hann. Mündener Alltag verankert war: Im Juni 1939 bat der Synagogenvorsteher Julius Löwenthal die Stadtverwaltung, älteren jüdischen Bürgern die Nutzung einiger Ruhebänke außerhalb der Stadt zu gestatten. Die Antwort des damaligen Bürgermeisters Hermann Mühlenberg war zynisch und entwürdigend: Die Betroffenen sollten sich „auf ihren alten Friedhof am Vogelsang setzen“. Kurz darauf wurde auch dieser Ort der jüdischen Gemeinde genommen und an einen Unternehmer verkauft, der das Gelände zur Brennholzlagerung nutzte.

Schäfer verwies darauf, dass Mühlenberg nach dem Krieg nie für sein Verhalten zur Verantwortung gezogen wurde und bis heute den Ehrentitel der Universität des Saarlandes trägt. „Ob er je zur Besinnung gekommen ist?“, fragte Schäfer abschließend und erinnerte daran, dass Mühlenberg in den 1970er Jahren bei einem Besuch in Hann. Münden herzlich empfangen wurde. Dies sei ein Beispiel dafür, wie mühsam die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verstrickungen in der Nachkriegszeit verlief.

Die Gedenkveranstaltung endete mit dem gemeinsamen Gedenken an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Hann. Mündens, die entrechtet, vertrieben oder ermordet wurden. Vertreterinnen und Vertreter der Stadt, der Kirchen und der Zivilgesellschaft legten Kieselsteine auf die Stele am historischen Rathaus und gedachten somit der zahlreichen Opfer in stiller Andacht.

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